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Beatmungkonzept: Tower-of-Power

Aktualisiert: vor 7 Tagen


Tower of Power – ein strukturiertes Beatmungskonzept für die Notfallmedizin


Bild: Pascal Jackel (ohne Manometer)


In der Notfallmedizin entscheidet beim Atemwegsmanagement nicht nur, was wir tun, sondern vor allem, wie gut wir vorbereitet sind. Aus meiner Tätigkeit als Notfallsanitäter, Dozent an einer Rettungsdienstschule, sowie durch mehrere Jahre Erfahrung in der Anästhesie und Notfalltraining mit Kolleg*innen hat sich über die Zeit ein Beatmungskonzept etabliert, das sich in unterschiedlichsten Situationen als zuverlässig, flexibel und kognitiv entlastend erwiesen hat: der eigens ernannte Tower of Power.


Der Tower of Power beschreibt einen standardisierten, vorausschauenden Aufbau eines Beatmungssystems, der die Anwender*in auf nahezu jede eskalierende Atemwegssituation vorbereitet – von der einfachen Maskenbeatmung, über NIV bis hin zur differenzierten invasiven Beatmung mit Monitoring.


Das Konzept ist primär für Erwachsene/Jugendliche gedacht, da das zusätzliche Totraumvolumen bei kleineren Atemvolumina berücksichtigt werden muss.


Der Aufbau des Tower of Power:

Grafik: Pascal Jackel


Den Ausgangspunkt bildet die Beatmungsmaske als direkter Kontaktpunkt zur/zum Patient*in. Ein dichter Maskensitz ist Voraussetzung für jede effektive Beatmung und gleichzeitig eine der größten praktischen Herausforderungen. Sämtliches nachgeschaltetes Equipment soll genau hier ansetzen: den Maskensitz optimieren, stabilisieren und überprüfbar machen.


Unmittelbar an die Maske schließt sich die Gänsegurgel an, die einen zentralen Baustein des Konzepts darstellt. Sie ermöglicht maximale Flexibilität, da sowohl die Maskenbeatmung als auch später der nahtlose Übergang zu Tubus oder Beatmungsgerät ohne großen Umbau des Systems möglich ist. Durch die zusätzliche Distanz zwischen den starren Komponenten entsteht ausreichend Platz für einen stabilen, zweihändigen Maskengriff, z.b. dem Doppel-C-Griff oder VE-Grip. Das Ergebnis ist ein optimaler Maskensitz, weniger Leckage und deutlich weniger Stress für den Beatmenden. Gleichzeitig verhindert die direkte Verbindung von Maske und Gänsegurgel die Entstehung eines langen, starren Hebelarms, der insbesondere bei Beatmung durch eine zweite Person zu Verkanten und Leckagen führen kann. Ein weiterer praktischer Vorteil ist der integrierte Absaugkanal vieler Gänsegurgeln, über den Sekret oder Erbrochenes unmittelbar und ohne Systemunterbrechung abgesaugt werden kann.


Auf die Gänsegurgel folgt der HME-Filter. Dieser erfüllt mehrere essenzielle Funktionen gleichzeitig: Er befeuchtet und erwärmt die Atemluft, schützt die nachgeschaltete etCO₂-Küvette vor Kondensation und Sekret und filtert die Ausatemluft zum Infektionsschutz. Damit ist er nicht nur hygienisch relevant, sondern auch funktionell für ein zuverlässiges Monitoring.


Im Anschluss wird die Hauptstrom-etCO₂-Küvette integriert. Die Kapnografie gilt als Goldstandard im Atemwegsmanagement und erfüllt gleich mehrere Aufgaben. Sie ermöglicht die Tubuslagekontrolle bereits mit der ersten Beatmung, überwacht die Spontanatmung bei assistierter Beatmung und erlaubt ein frühes Erkennen patientenseitiger Verschlechterungen. Darüber hinaus dient das etCO₂ als indirektes Korrelat der Kreislaufsituation und kann Hinweise auf pulmonale Obstruktion liefern. Entscheidend ist, dass die etCO₂-Küvette bereits vor der ersten Beatmung montiert ist. So steht sie sowohl als Feedbackhilfe bei manueller Beatmung als auch unmittelbar nach einer Intubation zur Verifikation der Tubuslage oder differenizierten Beatmung zur Verfügung – ohne Zeitverlust, ohne unnötigen Umbau / Druckverlust.


Ein weiterer fester Bestandteil des Tower of Power ist das PEEP-Ventil. Dieses ist initial auf 0 cmH₂O eingestellt, kann bei Bedarf jedoch sofort hochgedreht werden. Gerade bei einer Verschlechterung der Oxygenierung oder bei Atemwegserkrankungen, ob akut oder chronisch, beim kardialen Lungenödem oder bei Ertrinkungsnotfällen ist so jederzeit ein sofortiger Einsatz möglich, ohne erst Material suchen oder das System umbauen zu müssen.


Ergänzt wird der Aufbau durch ein Manometer zur Druckkontrolle, das sich bei den meisten Beatmungsbeuteln direkt anschließen lässt. Das Manometer zeigt bei jeder Beatmung den aktuell applizierten Atemwegsdruck an, häufig zusätzlich farbkodiert. Dadurch wird unmittelbar sichtbar, ob sich die Beatmung im sinnvollen Bereich bewegt oder ob potenziell schädliche Druckwerte erreicht werden. Der Nutzen liegt auf der Hand: unnötige Überdruckbeatmung wird vermieden, das Risiko für Überblähung, Baro- und Volutrauma reduziert und die/der Anwender*in erhält eine direkte Rückmeldung über die eigene Beatmungstechnik. Gerade unter Stress besteht die Tendenz, unbewusst zu hohe Beatmungsdrücke zu applizieren. Das Manometer fungiert hier als Feedbacksystem, das Fehlentwicklungen sichtbar macht, bevor daraus patient*innenseitige Schäden entstehen.


Den Abschluss bildet der Beatmungsbeutel mit Sauerstoff- oder Demandventilanschluss. Damit ist das System vollständig und jederzeit einsatzbereit.


Diese Reihenfolge kommt dem einen oder anderen sogar bekannt vor, wenn sie oder er an das Anästhesiepraktikum denkt. Dort werden stationierte Betamunggeräte verwendet mit der gleichen Reihenfolge an Komponenten. Von der/dem Patient*in aus kommt als erstes die Betamungmaske, dann eine Gänsegurgel, der HME Filter mit etCO2 Messung im Nebenstromverfahren, der Beatmungschlauch mit Exhale-Ventil und zuletzt das Beatmungsgerät mit interner Druckmessung. Gleicher Aufbau, der sich bewährt hat.

Warum also anders im Notfall ?


Das Konzept zu dem Konstrukt.


Der Begriff „Tower of Power“ beschreibt dabei weit mehr als nur die Reihenfolge einzelner Komponenten. Er steht für einen strukturierten, vorausschauenden Ansatz im Atemwegsmanagement, der Standardisierung, Antizipation und kognitiven Entlastung. Der Beatmungsturm wird konsequent vorbereitet, sobald absehbar ist, dass eine Beatmung erforderlich werden könnte. Im Sinne des frühen Antizipierens liegt der Tower-of-Power idealerweise bereits vor dem ersten Beatmungszug vollständig einsatzbereit vor. Das spart Zeit, vermeidet Umbauten unter Stress und schont mentale Ressourcen.

Vor allem aber ermöglicht es dem Beatmenden, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Patienten.


Ein oft unausgesprochener, aber zentraler Aspekt in der Praxis ist, dass das Rettungsdienstfachpersonal in der manuellen Beutel-Masken-Beatmung nur begrenzt geübt ist.

Die Anwendung ist vergleichsweise selten, die Stressbelastung hoch und die Anforderungen komplex. Maskensitz, Beatmungsdruck, Frequenz, Volumen und kontinuierliche Beobachtung müssen gleichzeitig beherrscht werden. Genau hier entfaltet der Tower-of-Power seine größte Stärke. Durch den klar strukturierten Aufbau werden typische Fehlerquellen wie Überbeatmung, unerkannte Leckagen, fehlende oder verspätete Druckkontrolle, unzureichende Überwachung und kognitive Überlastung deutlich reduziert. Der Tower-of-Power unterstützt die/den Anwender*in aktiv, indem er relevante Informationen sichtbar macht, Umbauten in kritischen Phasen vermeidet und Eskalationsschritte vorbereitet, bevor sie notwendig werden.


Kurz gesagt: Dieser Aufbau hilft dem Personal – und damit dem Patienten. Er reduziert kurzfristig Komplikationen, steigert die Prozesssicherheit, ohne zusätzliche Komplexität zu erzeugen.


Der Tower of Power ist damit kein neues Material, sondern eine neue Denkweise. Ein strukturiertes, vorausschauendes Beatmungskonzept in der Notfallversorgung, das Sicherheit schafft, Eskalationen vorbereitet und Fehlerquellen reduziert.


Oder pragmatisch formuliert: Wenn es kritisch wird, steht der Tower und gibt Power.



Disclaimer:

Der Begriff „Tower of Power“ ist ein privat geprägter und verwendeter Ausdruck ohne Bezug zu bestehenden Konzepten, Marken oder sonstigen Themen. Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen und Gewissen erstellt; eine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Fehlerfreiheit wird nicht übernommen.

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